Prinzip der Vereinfachung

Wir Amateurfotografen sind üblicherweise, wenn wir unterwegs sind, ständig auf der Suche nach Motiven, die uns gefallen und die wir für die Ewigkeit einfangen wollen. Ist das Motiv entdeckt, holen wir den Fotoapparat oder das Handy heraus und machen ein Foto. Zu Hause stellt sich heraus, dass das Objekt auf dem Foto ganz anders (langweilig) wirkt als in der Realität. Das liegt meistens daran, dass bei uns Menschen unterbewusst ein Prozess der Vereinfachung (bzw. Fokussierung auf das Wesentliche) in der Wahrnehmung stattfindet, wenn wir in der realen Welt Dinge erblicken.

Diesen Mechanismus hat die Natur bei uns angelegt, damit wir aus einem Sammelsurium visueller Eindrücke Gefahren isolieren und gegebenenfalls Maßnahmen für unser Überleben einleiten können. Leider springt dieser Mechanismus nicht bei einem Foto an. Wozu auch – vor 30.000 Jahren gab es noch keine Fotos, deren Inhalt für unser Überleben wichtig gewesen sein könnte.

Durch das Fehlen dieses Mechanismus bei der Betrachtung eines Bildes konzentrieren wir uns unweigerlich auf alles, was darauf abgebildet ist. Und je mehr das ist – oder anders ausgedrückt: je weniger klar das Motiv vom Rest des Fotos abgegrenzt ist – umso weniger gefällt uns das.

Vereinfachung beim Fotografieren

Der Fotograf ist also dazu aufgefordert, den Prozess der Vereinfachung beim Fotografieren nachzuempfinden und im Foto „einzubauen“. Er muss dafür sorgen, dass auf dem Bild so wenig wie möglich miteinander in Konkurrenz steht.

Noch ohne Vereinfachung

Noch zu komplex

Das Bild auf der rechten Seite habe ich bei meinem Schwiegervater im Garten geknipst. Würdest Du daraus eine Postkarte machen und an Verwandte und Bekannte schicken? Wahrscheinlich eher nicht.

Obwohl der Busch an dem Tag im Garten hübsch anzusehen war, wirkt er auf dem Foto lasch und langweilig. Das liegt daran, dass das Bild viel zu sehr mit Inhalt überfrachtet ist, der mit dem eigentlichen Motiv (der Blüte) nichts zu tun hat: das Auto im Hintergrund, der Zaun, die Bodenplatte, die am unteren Bildrand stört und das ganze grüne Blattwerk zwischen den Blüten. Es sind auch viel zu viele Blüten – das Auge weiß nicht, worauf es sich konzentrieren soll.

Die Komposition muss entscheidend vereinfacht werden. Also: näher heran an das Motiv. Hier der nächste Versuch:

Ein wenig vereinfacht

Besser

Das sieht schon besser aus. Die Blüten sind besser zu sehen. Durch den großen Zoom und die weiter geöffnete Blende verschwimmt der Hintergrund. Dadurch wird das Motiv besser hervorgehoben und die Komposition in Summe vereinfacht.

Es geht aber noch besser. Auf dem Foto oben sind zwei Blüten zu sehen – also vereinfachen wir weiter und reduzieren die Anzahl der Blüten auf eins:

Vereinfachung weiter entwickelt

Noch besser

Hier ist nur eine Blüte zu sehen und sie befindet sich im goldenen Schnitt. Was jetzt noch stört sind die vertrockneten braunen Überreste einer etwas älteren Blüte links. Außerdem ist der Hintergrund noch recht unruhig, obwohl er verschwommen ist. Ich brauche einen Hintergrund, der etwas besser im Kontrast zur Blüte steht. Also verändere ich nochmal meine Position und schieße noch ein Bild.

Vereinfachung passt

OK

Jetzt bin ich zufrieden. Ich hätte noch weiter vereinfachen können, z.B. indem ich eine der Teilblüten noch näher heran geholt hätte. Dazu hatte ich aber keine Lust mehr.

Taste Dich heran!

Wenn Du eine Digitalkamera verwendest, dann kontrolliere bei jedem Foto auf dem Display, ob Du es hinreichend vereinfacht hast. Frage Dich, ob noch etwas abgebildet ist, das mit deinem Motiv in Konkurrenz steht oder davon ablenkt. Ist das der Fall, dann verändere deine Position (gehe / zoome gegebenenfalls näher heran) und kontrolliere erneut.

Wenn Du keine Digitalkamera hast, wird es schwieriger. Beim Blick durch den Sucher aktiviert sich nämlich der eingebaute Vereinfachungsmechanismus unserer Wahrnehmung und Du wirst nicht merken, dass Du zu viel im Blickfeld hast. Du kannst den Blick durch den Sucher schulen, indem Du dich zwingst, vor dem Auslösen das komplette Sucherfeld systematisch (zeilenweise) von oben links nach unten rechts abzuscannen. Fällt Dir auf diesem Weg etwas auf, das Du nicht im Foto haben möchtest, dann verändere deine Position zum Motiv.

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